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Es war einmal ein blauäugiges Mädchen, das ein Weblog führte.


Es war einmal ein blauäugiges Mädchen.
Vor nicht allzu langer Zeit und in nicht allzu großer Entfernung und in ihrem Herzen komponierte oder lebte es sein Leben, je nach Gefühls- und Wetterlage, und manchmal, wenn es weh tat, weil es zu schön oder zu schrecklich war, spürte es das Leben vor allem und konnte die Lebendigkeit fassen wie eine raue Mauer, morgens, wenn die Haut noch müde vom Schlaf ist.
Das Mädchen lebte mal hier und mal dort und meistens zog es umher und heftete dieses Gefühl von Zuhause mit bunten Pinnwannsteckern an alte und neue Wände, an Bäume, den Himmel oder an Menschen.
Menschen mit diesem angehefteten Gefühl waren sehr wichtig, denn sie waren schwer zu finden und nicht zu ersetzen, da sie den Zauber besaßen, das Gefühl zu verbreiten, wann immer man ihr Gesicht sah oder roch, in Gedanken oder an einem Ort, in dem es keine bunten Pinnwandstecker zu kaufen gab.
Das Mädchen hatte Geheimnisse, über die es nicht sprach und wenn, dann fühlte es sich nicht echt an und es bereute dies, auch wenn sie zu ihm gehörten wie die Narben, Bilder und Erinnerungen, die das Mädchen außer Sichtweite in Schubladen und Kisten aufbewahrte, unfähig sie wegzuwerfen aus Angst, die Berührung wäre eine Zeitmaschine. Überhaupt hatte das Mädchen Schwierigkeiten, sich in einen Kopf zu bringen, denn manchmal wusste es nicht, ob es war wie es war und fühlte und ob es überhaupt fühlte oder nur war und vergessen hatte, nicht jemand anderes sein zu wollen, und dann half nur noch Ignoranz und duschen.
Meistens mochte sich das Mädchen. Dann lachte es bis es Kopf- und Bauchschmerzen bekam, freute sich über ihm zulächelnde fremde Menschen und die Farben am Himmel, gab allem Namen und Sinn, verliebte sich in Streitauslöser und Gedanken, unterschrieb alte Geschichten und war sich sehr, sehr einig. Meistens.


Es war einmal ein blauäugiges Mädchen.
Das Mädchen hatte in Jahreszahlen gerade die vermeintlich unbeschwerte Teenagerzeit hinter sich gebracht und sollte sich nun endgültig nicht mehr fragen, wer denn nur mit "Entschuldigen Sie mal, junge Frau" gemeint war, wenn sie diese Worte beispielsweise hinter sich im Supermarkt von kleinen Damen mit großen Hüten vernahm.
Jener Supermarkt befand sich um genau zwei Ecken, wenn man von ihrem nicht gesegneten Heim ausging und über zahlreiche überflüssige Ecken eines Einkaufszentrums hinwegsah, in einer mittelgroßen Stadt, die scheinbar hauptsächlich von fahrradfahrenden (Studenten), Italienern und komischen Menschen bewohnt wurde, die statt "guten Morgen" "a gude Morge" sagten und mittelgroßen Hass gegen die Nachbarn im eigenen Bundesland hegten. Letzteres bekam das Mädchen zuerst von einer tüchtigen Bäckersfrau und bereits wenige Stunden später von einem verdächtig aufdringlichen Mitschüler zu hören, als sie einst an diesen Ort ziehen musste, den sie bereits wenige Monate später zu ihrer Wahlheimat erklärte. Dennoch verband das Mädchen einiges mit ihrer wahren Heimat: gutes und schlechtes. Vor Allem verband sie damit aber ihre Familie, Freunde, alte Wegbegleiter, exzentrisches Kleinstadtleben und die Tatsache, dass Fremde dort immerzu freundlich "grüß Gott" sagten, wenn man ihren Weg und ihren Blick kreuzte. Sie beneidete Menschen, deren Heimat ein Ort war, der nicht nur im Herzen zu finden war und wusste doch, dass sie ihre Spazierentrug und mit Gänseblümchen schmückte.
Nun aber war sie an diesem Ort - um genauer zu sein in einer nicht weniger exzentrischen Wohngemeinschaft, die sich Kühlschrank, Dusche, Balkonaussicht und so manche Freude und Sorge teilte. Das Mädchen hatte beinahe ausreichende Erfahrung in Sachen anderer Wohngemeinschaften und Toilettenmitbenutzer gesammelt, doch nachdem sie vor wenigen Jahren mit ihrer Volljährigkeit auch eine bestimmte Unabhängigkeit erreicht hatte, fühlte sie sich hier schrecklich wohl. Sie mochte das diffuse Mischmasch aus Ersatzfamilie und Selbstständigkeit, den krümeligen Fußboden in der Küche, den Engel an der Türklinke, die Fotos im Mädchenbad und ihre liebenswert chaotischen Mitbewohner.
Das Mädchen hatte gute Freunde - und wenn es keine triftigen Gründe gab, waren ihr auch alle anderen Freund - denn sie war ein Rudeltier und mochte meistens nicht lange alleine sein. Menschen faszinierten sie. Nicht alle, dazu würde ihre Zeit nie reichen, aber viele. Einige ganz besonders und Besondere so sehr, dass die Faszination Verstand und Prinzip forderte. Das mochte sie. Auch mochte sie sehr gerne alle Arten der Sprache: gesungene und gespielte, ihre eigene mit Gitarre oder Klavier und jene, die verzauberte; alles was ihr gefiel, Indie oder Singer-Songwriter genannt und was es noch so gab zu und vor ihrer Zeit. Geschriebene in allen Formen und Farben. Gemalte, fotografierte und gebastelte. Und natürlich die gesprochene Sprache, was sich anderen oft in endlosen Gesprächen und Debatten erklärte. Ehrliche, echte Sprache, deren Magie nicht künstlich herbeigeführt werden musste.
Das Mädchen liebte Details. Kleinigkeiten, Nebensächlichkeiten, Unbeachtetes, Unbewusstes - all dieses. Sie liebte es an Menschen, an Gesprächen, an Dingen, am Himmel und an Häuserwänden. Sie liebte Zeichen, Träume, Sehnsüchte, Widersprüche, Lachkrämpfe, bunte Wände, Wackelpudding, Kaffeekreationen und überhaupt die Liebe.
Jemand sagte ihr mal, dass man es sofort aussprechen sollte, wenn man etwas oder jemanden oder einfach nur so liebe, da diese Momente schneller vorüberziehen, als dass man sie begreifen könne, und sie fasste sich wenige Minuten, Gedanken und Schritte später an den Kopf und brüllte: "du hast Recht, du hast Recht!" über einen Bahnsteig und zu einem jungen Mann. Manchmal, wenn das Mädchen ein Auge zukniff, war die Welt ein Märchen und sie eine Prinzessin. Wenn sie das Auge dann wieder öffnete, war die Welt zumindest mit kleinen, springenden Punkten beseelt.
Natürlich gab es auch eine Menge, was das Mädchen nicht so gerne mochte oder gar liebte, aber ihr Denken war idealistisch und so versuchte sie, zu vergessen oder drehte am Spieß, bevor sie am Rad drehte. Trotz allem drehte sie häufiger als nötig am Rad und musste Acht geben, um nicht hängen zu bleiben - Doch diese Geschichte wird nicht heute erzählt.
Das Mädchen blieb manchmal vor einem Kindergarten stehen, wenn sie die wenigen Schritte von der Schule heimlief, und freute sich im Sommer (nicht immer), wenn Balkonnachmittage vor einer mit Kinderlachen geschmückten Geräuschkulisse süßer und unbeschwerter wurden. Dann war der Sommer nicht nur warm und die Sonne nicht nur hell. Das Gras war grün, der Himmel blau, die Wolken aus Zuckerwatte, die Tauben fröhlich, die Kleidung dünn und Schuhe nicht nötig. An die kalten und grauen Jahreszeiten dagegen gewöhnte sie sich nur langsam und mit viel Tee, Lesestoff und Kleidung. Dann aber genoß sie stürmisches Wetter, braune Blätter, frische Luft und die Tatsache, dass das Zusammensitzen zu Hause, bei Freunden oder in Lokalen viel vergnüglicher war, wenn es draußen so ungemütlich sein musste.
Das Mädchen bewahrte ihre kleine Welt wie Vögel ihre Nester - schützend, mit dem Wissen, es jederzeit verlassen müssen zu können um irgendwo ein neues zu errichten. Und so lebte sie oder versuchte zu leben und freute sich jeden Tag mindestens hundertzweiundzwanzig mal über etwas und ärgerte sich über Brimborium und lachte viel und redete manchmal wie ein Wasserfall und dachte viel zu viel nach und schlief zu wenig und ernährte sich von Luft und Liebe und zauberte ein wenig und streute viel Grün in Vanillepudding und dichtete im Kopf und verliebte sich in Worte und in Ausnahmezustände und ließ sich von Reizen und vom Leben überfluten und war stets am singen oder am kauen ihrer Fingernägel und rief ihre Freunde nie zurück, denn telefonieren hasste sie wirklich.

Und wenn sie es nicht satt hatte, ihre Hirnscheiße für sich, Freunde, Fans und andere Mitmenschen in geschriebene Worte zu verwandeln oder gestorben ist, führt sie ihr Weblog mehr oder weniger glücklich noch heute.




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